Wenn der Fortschritt schneller ist, als Dein Bewusstsein

Der Fortschritt ist eine hinterhältige Sache. Er hat uns bisher nicht nur unzählige Vorzüge und Annehmlichkeiten beschert, sondern auch zahlreiche Ängste und schlaflose Nächte. Denken wir nur an medizinische Entwicklungen, den Kühlschrank, den Computer, das Auto oder das Flugzeug – alles Errungenschaften, ohne die wir heute kaum noch leben können und die zu unserem Alltag dazu gehören, als hätte es sie schon immer gegeben.

Aber Tatsache ist, daß alles Positive auch immer mit Widerständen, Angst und Enttäuschungen zu kämpfen hatte. Rückblickend mögen wir heute vieles für selbstverständlich halten, tatsächlich aber hatte die eine oder andere neue Idee es wahnsinnig schwer, bis sie marktreif war und sich durchsetzen konnte.

Ohne Fortschritt lebten wir in der Steinzeit

Da wäre zum Beispiel die Elektrizität. Zu ihrer Entdeckung Ende des 19. Jahrhunderts war man begeistert, setzte zunächst aber auf Gleichstrom, den Thomas Alvar Edison entwickelt hatte und der als ungefährlich galt. Man stellte schnell fest, daß sich Strom dieser Art nicht über weite Strecken transportieren ließ, also sehr unpraktisch für eine unkomplizierte Bereitstellung in großen Mengen und schnelle Verbreitung war. Also versuchte man zunächst, die Elektrifizierung voranzutreiben, indem man ein sehr kleinteiliges Netz von Stromerzeugungsstationen plante.

Fortschritt

Aber der Fortschritt überholte die Akteure. Als Nikola Tesla zusammen mit George Westinghouse die Vorzüge von Wechselstrom proklamierte und immer weiter publik machte, entsponn sich der sogenannte „Stromkrieg“. Wechselstrom galt lange Zeit als zu gefährlich für die öffentliche Nutzung, hatte aber letztlich den entscheidenden Vorteil, daß er sehr viel einfacher über lange Distanzen transportiert werden konnte.

So konnte sich Wechselstrom als allgemein gültiger Stromstandard durchsetzen – bis heute.

Anlaufschwierigkeiten gab es immer

Wir betrachten ihn heute als selbstverständlich, doch er hatte seinerzeit enorme Anlaufschwierigkeiten. Es hat seine Zeit gedauert, bis die Menschen, die sich die Elektrifizierung leisten konnten, sich an sie gewöhnt hatten, ihre Vorteile zu schätzen wussten und noch länger, bis Strom schließlich für jedermann erschwinglich war und so ein Allgemeingut wurde.

Ähnlich sieht es mit vielen Errungenschaften der Technik, der Medizin oder des Fortschritts allgemein aus. Es dauerte, bis es Farbfernsehen gab, sich das Auto durchsetzen konnte und das Pferd mit seinem einen PS ersetzt hat. Oder bis wir das Telefon nutzen konnten.. oder den Kühlschrank.. bis wir unsere geliebten Musikkassetten durch CDs ersetzt hatten oder wussten, was wir mit einem Computer anfangen sollten.

Fortschritt

Heutzutage sind diese Annehmlichkeiten Teil unseres tagtäglichen Lebens, die wir nur noch selten zur Kenntnis nehmen, obwohl sie unser Leben unerhört vereinfachen. Es ist völlig normal, daß wir mit unserem Handy sprechen, um die Eieruhr zu stellen, wenn wir Nudeln kochen oder unsere Kinder beschäftigen, indem wir sie mit der Playstation spielen lassen, daß das Navigationsgerät uns auch zu den entlegensten Orten dieser Welt führt oder wir Bankgeschäfte ganz einfach von Zuhause aus am Telefon oder am PC erledigen.

Die Zukunft klopft an unsere Tür

Heute stehen wir wieder an der Schwelle zur Zukunft und zu einigen neuen Entwicklungen, diesmal von noch größerem Ausmaß und wichtigerer Bedeutung. Schon in wenigen Jahren wird es uns völlig normal vorkommen, alltägliche Belange per Sprachbefehl in unserem Zuhause oder unserem Auto zu erledigen. Was uns heute noch wie ein Eindringen in unsere Privatsphäre vorkommt, weil man ja nie weiß, ob Alexa nicht doch für die Gegenseite spioniert, wird in kürzester Zeit überhaupt nicht mehr der Rede wert sein, mehr noch, unseren heute noch nicht geborenen Kindern wird es merkwürdig vorkommen, daß wir jemals Dinge anders erledigt haben.In Zukunft wird es genauso normal sein, daß Autos selbst fahren, wie künstliche Intelligenzen, die unser Leben unterstützen und Arbeit leisten, die keiner von uns mehr machen will, weil sie gefährlich ist, eklig,  unterbezahlt oder einfach in großen Mengen schnell und präzise ausgeführt werden muss.

Der Mensch ist unglaublich flexibel und einfallsreich

Wer hätte jemals gedacht, daß unsere Generation, die in den späten 60ern oder frühen 70ern geboren wurde und die sich noch daran erinnern kann, wie ein Leben ohne Handy, ohne ständige Erreichbarkeit und Ablenkung war, noch leibhaftig Zeuge werden würde, was der digitale Fortschritt uns bringen würde. Wir haben Landkarten studiert, wenn wir in Urlaub fuhren oder Traveller Schecks bestellt, wenn wir ins Ausland wollten, wir gingen ins Reisebüro, um Kataloge zu wälzen und Reisen zu buchen und zum Metzger, wenn wir Fleisch oder Wurst kaufen wollten – ja, es gab ein Leben ohne digitale Quellen und Supermärkte, die nicht alles führten. Wer ein Brot kaufen wollte, musste noch zum Bäcker gehen und auf Tankstellen konnte nur getankt werden, und Zeitschriften und Zigaretten waren die einzigen zusätzlichen Angebote.

Wir habe noch erlebt, was Langsamkeit bedeutet, nicht erreichbar zu sein und Geschäfte, die zur Mittagszeit, Mittwochs und Samstags Nachmittags geschlossen hatten.

Die Zukunft ist da

Und heute, ein paar Jahre später, finden wir es total normal, alles und jeden zu jeder Zeit erreichen zu können, bis 22.00 Uhr einkaufen zu gehen, ständig unser Essen zu fotografieren und zu posten, die Musiksammlung in der Hosentasche mit sich herumzutragen, im Internet individualisierte, personalisierte Werbung zu erhalten und iPads per Sprachbefehl oder mit der Fingerspitze zu bedienen. Wir wissen, was augmented reality ist und können via VR-Brille die größten Abenteuer erleben.

Wir leben mit den Folgen, daß kleine Läden schließen müssen, weil wir alles in vereinheitlichten Supermärkten kaufen können, daß der Bäcker und Metzger um die Ecke Pleite geht, weil große Supermarktketten gehaltloses Plastikbrot und abgepackte Wurstwaren in großen Mengen anbieten und es so praktisch ist, alles in einem Schwung beim Großeinkauf mitzunehmen, statt alles einzeln in spezialisierten Fachgeschäften kaufen zu müssen.

Fortschritt

Chancen erkennen und nutzen

Und trotzdem. Jetzt und hier haben wir die einmalige Chance und die Verpflichtung, uns rechtzeitig mit neuen Konzepten vertraut zu machen. Es ist wichtig, heute nicht den Anschluß zu verlieren, sondern frühzeitig die Möglichkeiten zu erkennen. Wer das nicht tut, wird über kurz oder lang auf der Strecke bleiben, als Unternehmen genauso wie als Arbeitender, angestellt oder selbständig.

Adapt or die

Wir müssen uns anpassen. Unternehmen müssen mit der Zeit gehen und Einsparungen generieren. Auch sie dürfen den Anschluß nicht versäumen, sondern müssen die Zeichen der Zeit erkennen. In der Vergangenheit gibt es zahllose Beispiele, wo das versäumt wurde und wo selbst Big Player irgendwann einfach von der Bildfläche verschwunden sind, Konzerne wie Kodak, Neckermann oder Atari, von denen heute kaum noch jemand spricht.

Wir wollen alles, jetzt sofort und überall

Konzerne müssen sich radikal auf die Probe stellen, müssen ihre Prozesse analysieren und anpassen und das so schnell wie möglich, denn am Ende wird nur der Stärkere überleben. Wer hier schläft, kommt nicht mehr hinterher –  man spricht von digitalem Darwinismus: selbst die sich anpassen wollen, sind irgendwann nicht mehr in der Lage, sich den rasant fortschreitenden Veränderungen in Gesellschaft und Technologie anzupassen. Die allgemeine Haltung der Bevölkerung mutiert immer schneller und immer kompromissloser zu einer „Ich, jetzt sofort und überall“-Gesinnung.

So kommt die Zukunft immer schneller auf uns zu. Alle Jobs, die früher oder später von Robotern oder Programmen erledigt werden können, werden menschliche Arbeitskräfte auch rigoros ersetzen und das ohne Ausnahme. Dazu werden Steuerberater gehören, Kfz-Mechaniker genauso wie Supermarktkassiererinnen, auch wenn wir uns das jetzt noch nicht vorstellen können. Jobs wie Buchhalter, Rechtsanwälte, Tankwarte oder Sachbearbeiter werden – je nach Ausprägung – von Robotern oder Systemen ersetzt werden – das hat für Arbeitgeber entscheidende Vorteile: Roboter sind nie krank, beschweren sich nie, brauchen keinen Betriebsrat, Urlaub oder Mutterschutz und erhalten keinen Lohn.

Doch wer sich rechtzeitig damit beschäftigt, wird auch die Vorteile der digitalen Revolution genießen können. Arbeiten im HomeOffice wird in Zukunft nicht mehr ein Zugeständnis an Arbeitnehmer sein, sondern völlig normal. Neue Arbeitsmodelle werden gang und gäbe sein, zum Beispiel arbeiten auf Vertrauensbasis. Zukünftig wird nicht mehr wichtig sein, wer wie lange arbeitet oder wann Urlaub hat, sondern nur noch, daß die Dinge schnell erledigt sind.

Fortschritt

Datenschutz ist eine Illusion

Auch wenn der Aufschrei derer laut und durchdringend sein wird, die sich Sorgen um ihre persönlichen Daten machen, auch sie dürfen sich nicht darauf zurückziehen und sich der Zukunft verschließen. Datenschutz ist auch heute schon nur noch eine Illusion. Nicht nur diejenigen, die ihr Facebookprofil aktuell halten, etwas auf Twitter posten oder einen Fitnesstracker ihr eigen nennen, liefern Unternehmen wie Facebook und Google Daten ohne Ende. Auch diejenigen, die ihr Handy oder ihr Navigationsgerät benutzen, ihre Kredit- oder EC-Karte, einen PC oder eine Paybackkarte besitzen, liefern mehr Informationen, als ihnen lieb ist.

Hier ist Big Data das Schlüsselwort. In Zukunft werden diejenigen globalen Unternehmen und auch Wirtschaften wie Deutschland, Europa oder die USA den größten Einfluß haben und den größten Umsatz generieren, die die meisten Daten sammeln und auswerten können. Diejenigen, die wissen, was ihre Kunden wollen und frühzeitig Trends erkennen, werden den größten Vorteil haben. Deutschland ist da mit seinen restriktiven Datenschutzgesetzen auf dem falschen Weg, wenn es nicht den Anschluß verlieren will. Denn auch, wenn Privatsphäre in Deutschland zu recht eine große Bedeutung hat, läßt sich das Rad nicht zurückdrehen, läßt sich der Fortschritt nicht ungeschehen machen.

Aber was ist hier die Lösung? Ein Leben ohne Handy, Konto oder Kreditkarte? Doch das ist kaum noch praktikabel. Während es noch leicht fallen mag, auf Rabatt- und Punktesammelkarten, Interneteinkäufe oder das Mobiltelefon zu verzichten, bieten viele dieser Güter auch unendlich viele Vorteile. Wer beispielsweise schon mal mit dem Auto liegengeblieben ist, wird froh gewesen sein, den ADAC ohne Umwege informieren zu können. Oder wer gesundheitlich eingeschränkt ist, wird dankbar sein, Einkäufe auch online erledigen zu können.

Auch Fortschritt hat Vor- und Nachteile

Auch wenn der Fortschritt seine negativen Seiten hat, ich noch immer gerne und oft zum Metzger oder in die Bäckerei meines Vertrauens hier im Viertel gehe, weil ich weiß, daß sie höhere Qualität liefern, auch wenn diese dort teurer ist, weiß ich, daß das früher oder später vermutlich nicht mehr möglich sein wird. Wir lieben es nunmal, alles in einem Rutsch zu kaufen, auch wenn wir um die Gefahr wissen, daß am Ende alles einheitlich ist. Schon heute gibt es kaum noch eine Konkurrenz zu MediaMarkt und Saturn.

Aber letztlich müssen wir damit leben. Die große Masse bestimmt und die richtet sich nach Angebot und Nachfrage und danach, wo am meisten gespart werden kann.

einmalige Perspektiven

Daher müssen wir uns rüsten, einen Mittelweg finden und nicht alles Neue ablehnen. Es besteht trotz aller Bedenken die Gefahr, daß diejenigen, die dem Fortschritt zweifelnd gegenüberstehen, den Anschluß an die Zukunft verlieren und früher oder später auf der Strecke bleiben. Wer den Fortschritt ablehnt, bedient das Risiko zurückzufallen und unter die Räder zu kommen. Auch, wenn die Einstellung „früher war alles besser“ nachvollziehbar, menschlich und verständlich ist, so ist es doch gleichzeitig fahrlässig und unverantwortlich, sich nicht für die unausweichliche Zukunft zu rüsten, die – auch wenn es von hier aus betrachtet beängstigend wirken mag – unendliche Chancen bietet – Chancen, die wir heute vielleicht noch gar nicht erkennen und wertschätzen können, die sich aber zweifelsohne jedem von uns bieten.

Auch wenn es zukünftig noch einiges geben wird, daß wir nicht virtuell ersetzen können, Kinder nach wie vor auf natürlichem Weg zur Welt kommen, Kreativität und Individualität sich nicht durch künstliche Intelligenzen in selbem Maße herstellen lassen können, müssen wir uns auf eine radikal veränderte Welt einstellen und positiv in die Zukunft schauen.

Fortschritt

Wir dürfen nur unsere Angst nicht die Überhand gewinnen lassen und den Kopf in den Sand stecken, sondern erkennen, daß wir an der Schwelle zu einer glorreichen Zukunft stehen. Wir werden Möglichkeiten entdecken, mit denen wir nie gerechnet hätten und Perspektiven haben, die unsere Vorfahren nicht im Ansatz erahnen konnten.

Es stellt sich daher aus heutiger Sicht nicht die Frage, ob wir uns mit der digitalen Revolution beschäftigen und uns anpassen müssen, sondern nur, wie wir das am besten und am effizientesten tun können.

Seien wir dem gegenüber offen, seien wir mutig.

 

Quellen:

Folgen der digitalen Revolution

Digitaler Darwinismus und Digital business

http://www.sueddeutsche.de/digital/folgen-der-digitalen-revolution-ein-neuer-kulturkampf-1.2270243

http://www.deutschlandfunk.de/tagung-der-uni-koeln-die-digitale-revolution-und-ihre-folgen.1148.de.html?dram:article_id=346695

 

 

 

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